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Südafrika 2:
Mit dem Rovos Rail von Pretoria nach Kapstadt

16. Mai 2010 | Von Ko | Rubrik: Südafrika 2
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Unser Tischnachbar im Speisewagen des Zuges arbeitet “im wirklichen Leben” als technischer Direktor, privat jedoch engagierte er sich bei unserer Fahrt als Zauberer und Mentalist, der an die Grenzen des Machbaren geht und “die Gedanken” von Freiwilligen aus dem Publikum “liest”. Das kurze Video zeigt sehr gut die fröhliche Stimmung im Rovos Rail.

AUF DEM WEG NACH KAPSTADT – Wir halten gerade auf freier Strecke an, es scheint, als wolle mir der Lokführer das Schreiben auf dem Netbook etwas erleichten. Ich blicke vom Bett aus direkt in die weite Landschaft. Einzelne Pferde sind zu sehen, dann ein trockenes Maisfeld, Südafrikas umstrittene Quelle für Biokraftstoff. Kühe und LKWs kommen uns entgegen, nicht auf den Schienen natürlich, sondern parallel und von schräg vorn. Und schon muss ich, warum auch immer, gerade jetzt an unseren gestrigen Friedhofsbesuch denken, an die Sitte, die Grabsteine nach der Beerdigung abzudecken, mit einem Tuch oder mit Erde, um sie dann in einer großen Feier ein Jahr später wieder zu enthüllen. Gegenstände persönlichen Bedarfs werden aufs Grab gelegt, Teller oder Tassen, und auch der Tag der Beerdigung steht gleichberechtigt neben dem Geburts- und Todestag auf dem Grabstein oder öfter auf einer kleinen handgeschriebenen Tafel. Beerdigungen sind ein großes Fest, das ganze Dorf drängt hin, ganz dem Gedanken gewidmet: Geh‘ ich zu deiner Beerdigung, gehst du zu meiner – diese Aussage bezieht sich natürlich jeweils auf die komplette Familie. Und deshalb muss oft genug eine ganze Kuh ihr Leben lassen, um die Beerdigungsgesellschaft satt zu bekommen …

Der „Pride of Africa“ bietet Reisen erster Klasse im Luxuszug: Die Bar Lounge links im Bild endet mit einer Aussichtsplattform, auf der man seine Drinks und Snacks beim Fahren im Freien genießen kann, im mittleren Bild schlängelt sich Rovos Rail durch die abwechslungsreiche südafrikanische Landschaft und rechts ist der – neben der Aussichts-Lounge – zweite zentrale Schwerpunkt des rollenden Hotels zu sehen, der Speisewagen.

Der „Pride of Africa“ bietet Reisen erster Klasse im Luxuszug: Die Bar Lounge links im Bild endet mit einer Aussichtsplattform, auf der man seine Drinks und Snacks beim Fahren im Freien genießen kann, im mittleren Bild schlängelt sich Rovos Rail durch die abwechslungsreiche südafrikanische Landschaft und rechts ist der – neben der Aussichts-Lounge – zweite zentrale Schwerpunkt des rollenden Hotels zu sehen, der Speisewagen.

… und schon bin ich in Gedanken bei unserem gestrigen Festschmaus. Abends saßen wir alle beieinander im Speisewagen, alle hatten sich fein herausgeputzt, sogar ein Smoking ward gesichtet, Abendkleider bei den Damen die Regel, das Menü vorzüglich. Nachts dann die angenehme Überraschung: Von zirka Mitternacht bis halb sieben stand der Zug mucksmäuschenstill vor sich hin, was zwei entscheidende Vorteile hatte: Wir konnten erstens ruhig schlafen und verpassten zweitens nicht die schöne Landschaft, die ansonsten heimlich im Dunkeln an uns vorbeigeschlichen wäre. Diese Pausen sind übrigens ein Vorteil des Rovos Rail gegenüber dem Blue Train, einer klassischen Reisealternative auf Schienen in Südafrika. Wir sind mit dem Rovos Rail äußerst zufrieden und wurden fürstlich verwöhnt: Schon bei der Buchung wollte man von uns ganz fürsorglich wissen, ob wir zwei Betten nebeneinander haben wollen oder die Anordnung in L-Form bevorzugen oder ob uns ein großes Bett nicht doch lieber ist (das war dann unsere Wahl). Wie hätten Sie entschieden?

Fruehstueck

Liebevoll angerichtet und perfekt zubereitet gestalten sich die Mahlzeiten als immerwährende kulinarische Höhepunkte während der Reise – hier ein Häppchen vom Frühstücksbüffet.

Nun sitzen wir also in diesem Rovos Rail, der sich selbst als den luxuriösesten Zug der Welt bezeichnet, und sind überrascht, wie jung das Publikum im Durchschnitt ist. Wir hatten 70+ erwartet, in Wahrheit waren wir selbst mit unseren gut 50 Jahren bei weitem nicht die jüngsten. Wir haben im Gegenteil den Schnitt vermutlich noch angehoben, was wir nie geglaubt hätten. Unter den Gästen waren Australier, Südafrikaner natürlich, Briten, sogar Schotten, Deutsche, Amerikaner und Schweizer (man trifft sie so häufig überall auf der Welt, dass man sich schon wundern muss, dass die Schweiz überhaupt noch bewohnt ist und nicht leer steht). Insgesamt ein wahrhaft bunter Haufen hoch interessanter Menschen, mit denen es uns nie langweilig wurde. Gegen 9 Uhr 30 sollen wir übrigens heute an Tausenden rosaroter Flamingos vorbeikommen . Ich freue mich, und freuen kann man sich gar nicht genug im Leben …

Heute ist ein besonderer Tag

Wir reiben uns den Schlaf aus den Augen, wieder ist ein Tag vergangen, wieder einmal ist es 6 Uhr 30 morgens und wieder einmal ist es ein besonderer Tag – das möchte ich ab jetzt eigentlich jeden weiteren Tag für den Rest meines Lebens sagen können –, aber heute ist wirklich ein ganz besonderer. Ich bin gerade aufgewacht, weil der Lokomotivführer ein kurzes Pfeifsignal gen Himmel schickte, bevor er sanft anfuhr. Ich habe gespürt, wie sich der Zug beim Anfahren langsam gestreckt hat. So wie Menschen abends geschätzte drei Zentimeter kleiner sind als morgens, weil sich die Bandscheiben etwas gestaucht haben, so wird ein Zug beim Anfahren länger, weil sich die Kupplungen zwischen den Waggons etwas strecken. Zumindest hört es sich für den aufmerksamen, gerade aufgewachten Laien so an, wenn er jeweils ein leises Geräusch hört, wenn der einzelne Waggon anfährt, und sich dieses Klacken langsam nach hinten fortpflanzt, bis auch der eigene Waggon langsam in Bewegung kommt. Beinahe unmerklich. Man muss schon durch das geöffnete Fenster aus dem Bett auf die afrikanische Landschaft schauen, um zu sehen, dass sich der Zug wirklich bewegt. Es ist wie bei großen Segelschiffen, die sich mit dem lautlosen Aufblähen der Segel beinahe schweigend und unmerklich in Bewegung setzen, um übers Wasser zu gleiten. Das typische Stampfen des Zuges hört man erst, wenn er etwas schneller geworden ist und über die Nahtstellen der Gleise hoppelt wie ein aufgeschrecktes Kaninchen. Am Anfang geht alles ganz leise und sanft, beinahe liebevoll los …

Eintauchen ins Jetzt, das ist Glück

Apropos Zeit: Ich lese gerade, dass es irgendwo auf der Welt einen Eingeborenenstamm geben soll, dessen Mitglieder man nicht ohne schwerwiegende Folgen ins Gefängnis sperren darf. Weil: Sagt man ihnen, dass sie in drei Tagen wieder frei kommen, verstehen sie es nicht – und bringen sich um. Denn sie können sich die Zukunft nicht vorstellen, leben ausschließlich in der Gegenwart. Für sie zählt nur das Hier und Jetzt. Nichts anderes. Natürlich gilt das auch für uns alle, dass letztlich nur das Jetzt zählt, das hat schon Momo gewusst, die die grauen Diebe von der Zeitsparkasse im Buch von Michael Ende enttarnt hat. Zu diesem Jetzt kehre ich im Rovos Rail endlich zurück, was richtig gut tut. Im beruflichen Alltag hat man ja oft genug die Zukunft fest im Blick, muss heute Termine einhalten, damit morgen alles rund läuft. Und ehe man diese Früchte ernten kann, bereitet man schon die nächste Zukunft vor, der Hamster lässt grüßen. Hier im Zug gibt es keinen Stress, und – ganz wichtig für mich – Rovos Rail ist kein Disneyworld, sondern authentisch, kein Plastik, sondern atmet Geschichte. Aber was für mich wirklich wichtig, letztlich das entscheidende Plus bei der Einstufung der Zugfahrt als Gewinn ist, das sind die Menschen, denen man solchen Reisen begegnet: Die Juristin aus England, die mit dem eisenbahnbegeisterten Ingenieur verheiratet ist, den technischen Direktor aus Südafrika, der als Hobby zaubert, den Netzwerkspezialisten, der neue Lodges in ganz Afrika verkabelt, die australische Lady, die einmal jährlich nach Venedig reist und vom Danieli schwärmt.

All diese Menschen tragen den Wunsch nach Entschleunigung in sich, wollen loslassen vom stressigen Berufsalltag und tauchen mit der „Bimmelbahn“ in eine andere, betuliche Zeit ein. Interessant dabei: Das Publikum war wie gesagt recht jung, dieser Wunsch nach alten Zeiten ist also keine Träumerei der Älteren mit der Sehnsucht nach der eigenen Jugend, sondern diesen Traum träumen auch Jüngere – sofern sie ihn sich leisten können. Und damit uns der Abschied auch schön schwer fiel, verwöhnte man uns am letzten Abend noch mit einer Überraschung: Blütenblätter auf dem gemachten Bett, einem Fläschchen Schampus darauf und zwei Gläser …

Keine Angst vor Kapstadts Preisen, Knysna kann teurer sein

Inzwischen ist es wieder mal 8 Uhr morgens, ich bin gerade in Kapstadts „Victoria & Alfred Waterfront“ aufgewacht. Direkt vor dem riesigen Balkon unseres Apartments ankern moderne Luxusjachten, gestern Abend wurden wir zur Ankunft von Seelöwen begrüßt, die sich dort regelmäßig ein Stelldichein geben. Danach speisten wir vorzüglich und preislich sehr überschaubar im Baia, trafen dabei auch quasi schon alte Bekannte aus dem Zug wieder, zwei Paare aus Chicago. Auch das ist ein schöner Aspekt des Reisens, man findet Freunde in aller Welt und bislang sind uns auf dieser Reise nur angenehme und äußerst freundliche Menschen begegnet – mit Ausnahme des deutschen Schaffners, der mich zu Beginn unserer Reise beinahe das Leben gekostet hätte. Hatte ich das schon erzählt? Ich glaube nicht. Wir wollten mit dem Zug von Mainz zum Flughafen Frankfurt fahren, und da die S-Bahn 20 Minuten Verspätung hatte und gerader ein „normaler“ Zug einlief, wollten wir diesen benutzen, um den Flieger rechtzeitig zu erreichen. Also fragte ich den Schaffner, ob wir mit unseren S-Bahn-Tickets auch Regionalbahn fahren bzw. bei Bedarf im Zug nachzahlen dürften. Dieser Mensch dachte aber gar nicht daran zu antworten, sondern stand einfach schweigend am Gleis. So nach einer knappen echten halben und gefühlten 20 Minuten schlossen sich die Türen. Wir versuchten natürlich, des Wartens überdrüssig, sie wieder zu öffnen, was nicht gelang, stürmten daraufhin schwerbeladen hinter dem Schaffner zur nächsten noch offenen Tür des Nachbarwaggons, ich half als erstes meiner Frau und dann den Koffern in den Zug, ein Koffer verkeilte sich, der Schaffner stand nur daneben und schüttelte stumm den Kopf, und als ich schließlich doch noch den Koffer in den Zug schieben konnte, wollte er mir die Tür vor der Nase zu machen, quasi eine Familie auseinanderreißen. Inzwischen fuhr der Zug an, ich stand halb drin, halb draußen auf den Stufen, der Schaffner immer zorniger und unfreundlicher, aber weiterhin völlig untätig. Wie ich es schließlich doch noch irgendwie in den Zug geschafft habe, wissen die Götter. Dies war also meine Erinnerung an Zugfahren und Schaffner in Deutschland. Hier in Südafrika gestaltet sich alles anders: Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit, eine solche Situation wie die eben beschrieben ist beim besten Willen nicht vorstellbar, Bahnfahren zumindest in Afrika eine echte Idylle.

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